Mobbing in der Schule: Was tun?

Die Erfahrung von Mobbing ist für betroffene Schülerinnen oder Schüler eine so grosse Belastung,  dass die Folgen zu

  • körperlichen Symptomen (wie beispielsweise Übelkeit, Schafstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen),
  • psychischen Störungen wie Depression und Angststörungen
  • oder gar zum Suizid führen können.

Auch Jahre nach dem Mobbing, leidet ein Teil der gemobbten Kinder und Jugendlichen noch unter den Folgen. 

Umsichtig, rasch und klar reagieren

Aus diesem Grund ist es wichtig, beim Auftauchen von Mobbing einerseits umsichtig und zugleich rasch und und klar zu reagieren. In diesem Text wird beschrieben, wie es zu Mobbing kommt, wie in Krisen interveniert werden kann und was getan werden kann, um die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Mobbing längerfristig zu minimieren.

Checkliste für die Kommunikation bei Mobbing

Wenn du wissen möchtest, woran du denken musst und welche Personen du informieren solltest, wenn du mit einem Mobbing-Fall in deiner Schule konfrontiert bist, kannst du hier kostenlos eine Checkliste dazu herunterladen.

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Was ist Mobbing?

Von Mobbing wird in Fachkreisen gesprochen bei

  1. wiederholten und über längere Zeit dauernden sowie
  2. ein Kind gezielt schädigenden Handlungen durch ein oder mehrere Kinder
  3. bei gleichzeitigem Ungleichgewicht der Macht.

Die häufigsten Handlungen im Rahmen von Mobbing sind a) verbale Formen wie Spotten, Auslachen, Drohen, Schlechtmachen, gefolgt von b) indirekte Formen wie Ignorieren, Gerüchte verbreiten, Ausgrenzen, Material zerstören oder verstecken, c) nonverbale Formen wie abwertende Blicke, Gesten oder Bewegungen und schliesslich am seltensten d) körperliche Angriffe wie Schubsen, Schlagen, Treten, Kneifen oder bei älteren Schülerinnen und Schülern auch sexuelle Übergriffe.

Was sind die Folgen von Mobbing?

Abhängig von Intensität, Resilienz und anderen Faktoren:

  • psychische Störungen (Depressionen, Angststörungen, Selbstverletzung)
  • körperliche Symptome (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Energielosigkeit)
  • Neigung zu Suchtmittelmissbrauch
  • erhöhte Aggressionsbereitschaft / Selbstaggression
  • Suizid

Was begünstigt Mobbing in der Schule?

Es gibt Voraussetzungen, die die Entstehung von Mobbing begünstigen oder gar erst ermöglichen. Das wesentlichste Element ist die Organisationskultur (die Kultur der Schule oder des Schulhauses) und die Atmosphäre in der Klasse. Das bedeutet: Mobbing ist nicht ein Phänomen, das vereinzelt und unabhängig von der Schulkultur bloss bei einzelnen Schülerinnen und Schülern auftaucht.

Abbildung: Mobbing begünstigende Faktoren

Schulkultur

«Unter ‹Organisationskultur› versteht man all jene Verhaltenserwartungen, die nicht über Entscheidungen festgelegt wurden, sondern die sich langsam eingeschlichen haben.» (Kühl, 2018)

Im Folgenden werden kulturelle Aspekte beschrieben, die Mobbing begünstigen:

  • Es ist gibt Instanzen, die definieren, was richtig und was falsch ist und es wird Wert darauf gelegt, dies immer wieder zu zeigen. Macht über andere auszuüben und explizit zu zeigen, welche Macht man hat, respektive sich auf die Macht berufen, spielt im Schulalltag eine grosse Rolle.
  • In Konfliktsituationen wird vor allem geschaut, wer schuld ist: Wer hat angefangen? Wer hat was gemacht? Was war berechtigt? Was nicht? Was hätte er/sie tun sollen?
  • Wenn der Schuldige bestimmt ist, ist es OK, diesen zu bestrafen und ihm damit Leid zuzufügen (beispielsweise mit  Strafen oder „Konsequenzen“). Der Schuldige hat die Bestrafung verdient.
  • Wer den Anweisungen nicht folgt, wird gleich behandelt wie Schuldige in Konflikten: mit Bestrafung.
  • Bestimmte Menschen werden als schlecht, doof, böse, gemein, widerspenstig, störrisch, … angesehen. Auch diese Menschen erhalten zu Recht eine bestimmte (für sie unangenehme) Behandlung.
  • Bestrafung geht häufig einher mit Blossstellung, Beschämung, Demütigung oder Ignorieren.
  • Das Zeigen von Trauer, Angst oder Verletzlichkeit wird als Schwäche oder als sonst unpassend angesehen.
  • Die meisten haben Angst, beurteilt und verurteilt zu werden.
  • Die Akzeptanz in der Gruppe ist stark an Normen geknüpft. 

Atmosphäre in der Klasse

Neben der Kultur der Schule spielt auch die Atmosphäre im Klassenzimmer eine wesentliche Rolle. Aspekte einer solchen Atmosphäre können sein:

  • Konkurrenzdenken ist dominierend (Punkte Sammeln, Noten, Kleber, Sammelkarten, Kleidermarken, Lob erhalten)
  • Angst davor, Schwäche zu zeigen, Fehler zu machen, nicht zu gefallen
  • Häufiges dissen (einander Schlecht machen, blossstellen, Fehler betonen) als Kompensation für Unsicherheit und Angst
  • Misstrauen, Neid, Eifersucht
  • Häufiges Rufen nach Fairness, Gerechtigkeit oder Gleichbehandlung
  • aus Angst, zu kurz zu kommen

Aktiv mobbendes Kind

Damit es zum konkreten Mobbing kommt, braucht es einerseits ein Kind mit bestimmten Eigenschaften und Kompetenzen, wie zum Beispiel:

  • eher extrovertiert und selbstsicher
  • geschickt im Beeinflussen von anderen, versteckt oder offen
  • geschickt im Finden von wunden Punkten anderer
  • erfahren (oder haben erfahren) selber entwertende und demütigende Behandlung in einem anderen Umfeld (bspw. Familie), respektive Erfahrung von fehlender Liebe, Wärme, Geborgenheit und Akzeptanz
  • starke moralische Urteile, die einer allfällig vorhandenen Empathiefähigkeit im Wege stehen

Gemobbtes Kind

Zusätzlich braucht es ein Kind, das sich als Ziel von entsprechenden Handlungen eignet. Kinder, die gemobbt werden, verfügen häufig über eine oder mehrer der folgenden Eigenschaften:

  • Eher introvertiert oder ungeschickt im sozialen Kontakt.
  • Sucht sich keine/sehr spät Hilfe oder petzt sehr häufig und lautstark.
  • Verfügt über eine beliebige, das Mobbing auslösende Eigenschaft, durch welche sie/er sich von anderen unterscheidet (bspw. sehr intelligent, Sprachfehler, motorisch ungeschickt, altklug, frühreif, …)

Nichtreaktion durch die Lehrperson und andere Kinder

Eine weitere Voraussetzung für die Entstehung von Mobbing liegt in der Nichtreaktion der Lehrperson und anderer Schülerinnen und Schüler auf entsprechende Handlungen des mobbenden Kindes. Die aggressive Handlung des mobbenden Kindes ist eine Strategie zur Erfüllung von eigenen Bedürfnissen. Vielleicht geht es diesem Kind darum, gesehen oder akzeptiert zu werden, vielleicht geht es um Sicherheit oder um Humor. Dadurch, dass keine oder eine zu zögerliche Reaktion auf die Handlung folgt, fehlt ein Widerstand gegen diese Handlungen und ohne bestimmte Inputs oder Veränderungen wird das Kind diese Strategien wiederholt anwenden.

Fehlende Unterstützung für gemobbtes und mobbendes Kind

Schliesslich kommt noch eine weiterer Faktor hinzu, der die Entstehung von Mobbing begünstigt: Das Fehlen von Unterstützung für das mobbende oder das gemobbte Kind. Beide Kinder leiden unter bestimmten Situationen und Handlungen anderer Menschen. Das mobbende Kind vielleicht aktuell oder in der Vergangenheit zu Hause, das gemobbte Kind auf jeden Fall aktuell in der Schule. Wenn für eines oder beide dieser Kinder eine Stelle oder Person vorhanden wäre, an welche sie sich vertrauensvoll für die Bewältigung von schwierigen Situationen wenden könnten, könnte dies bestenfalls die Entstehung von Mobbing bereits zu Beginn verhindern. Eine solche Stelle oder Person könnte beispielsweise eine Lehrperson, die Schulleitung oder die Schulsozialarbeit sein.

Wie kommt es zu Mobbing?

Der Beginn von Mobbing entsteht unter den oben beschriebenen Voraussetzungen schliesslich mit einem auslösenden Moment: Das später gemobbte Kind zeigt irgendein Verhalten, welches beim später mobbenden Kind entweder zu unangenehmen Gefühlen führt (Beispielsweise wird das Kind vor der gesamten Klasse als besonders intelligent gelobt) oder welches sich für eine ihm bereits bekannte Strategie zur Erfüllung von Bedürfnissen anbietet (beispielsweise sich über andere lustig machen, um das Bedürfnis nach Humor zu erfüllen). Wesentlich dabei ist, dass das mobbende Kind in diesem Augenblick nicht empathiefähig ist; entweder aufgrund von moralischen Urteilen («Dieser Streber hat nichts anderes verdient») oder aufgrund von eigenen Verletzungen und damit zusammenhängenden Schutzmechanismen (emotionale Abschirmung).

Abbildung: Wie es zu Mobbing kommt.

Weshalb intervenieren Lehrpersonen manchmal nicht?

Es gibt verschiedene mögliche Gründe, weshalb Lehrpersonen bei Mobbing-Handlungen nicht intervenieren, beispielsweise:

  • Nicht sehen
  • Verständnis für das mobbende Kind
  • Überzeugungen, die Mobbing fördern (siehe Organisationskultur)
  • Befürchtungen im Zusammenhang mit möglichen Folgen von Interventionen
    • Reaktion des mobbenden Kindes (sich unbeliebt machen)
    • Zeitaufwand für Gespräche und weitere Massnahmen
    • Kritik durch die Schulleitung
    • Kritik der Eltern (bspw. des mobbenden Kindes)

Problematische Reaktionen von Lehrpersonen und Schulleitung

Wird ein Fall von Mobbing durch die Eltern oder eine Schülerin/ein Schüler explizit als solches bei der Schulleitung oder der Lehrperson angesprochen, werden zuweilen viele Fehler gemacht. Beispielsweise:

  • Das Kind oder die Eltern werden nicht ernst genommen.
  • Die Schulleitung oder die Lehrperson schätzen das Ausmass der Mobbing-Handlungen als gering ein.
  • Die Schulleitung oder die Lehrperson denken von den Eltern/dem Kind, dass dies übertreiben oder dass diese gerne die Schule kritisieren, sich für etwas besseres halten usw.
  • Die Schulleitung oder die Lehrperson möchten das Problem mit möglichst wenig Aufwand und wenig Aufsehen lösen. Dazu werden einigermassen einfache Massnahmen ergriffen, wie beispielsweise das Aufstellen von Verhaltensregeln in der Klasse.
  • Die Schulleitung oder die möchten verhindern, dass es eine «zu grosse Sache» gibt. Sie informieren höchstens die Eltern über eine oder mehrere getroffene Massnahme.

Sowohl Lehrpersonen als auch Schulleitungen stehen in der Regel unter grossem Leistungs- und Erwartungsdruck von vielen Seiten. Es ist klar, dass sie alle Probleme mit möglichst geringem Aufwand lösen wollen. Dabei unterschätzen sie zuweilen einerseits die Tragweite von Mobbing-Situationen für gemobbte Kinder. Und andererseits unterschätzen sie die möglichen negativen Folgen im Falle einer ungenügenden Bearbeitung eines konkreten Falles.

Wie kann vorgegangen werden?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Reaktionen und Massnahmen, die der Lösung eines akuten Mobbing-Falles dienen (Krisenintervention) von den Massnahmen, die das wiederaufflammen von Mobbing beim selben Kind oder die Entstehung von weiteren Mobbing-Fällen verhindern sollen (Prävention).

Für eine erfolgreiche Krisenintervention ist es besonders wichtig, zu Beginn eine sorgfältige Abklärung (Datensammlung) durchzuführen. Dazu werden Gespräche mit dem gemobbten Kind, der hauptsächlich betroffenen Lehrperson, den Eltern und natürlich der Schulleitung durchgeführt.

In der Regel ist die Schulleitung oder eine Schulbehörde Auftraggeberin für eine Krisenintervention. Dieser Person oder Stelle gibt die Beratungsperson ein Feedback zu den gesammelten Daten inklusive einer Einschätzung der Situation sowie einer Auswahl an möglichen Vorgehensweisen und Massnahmen. Mögliche Massnahmen sind in der Abbildung 3 aufgeführt. Dabei sind die Massnahmen in der dritten (Schutz, Briefing, Information, Anhören und Informieren) sowie der vierten Spalte (Supportgruppe, Training, Intervention in der Klasse, Informationsanlass für Eltern) möglichst rasch durchzuführen, also innerhalb von wenigen Tagen.

Abbildung: Ablauf Mobbing Krisenintervention

Welche Kompetenzen der Lehrpersonen helfen?

Drei Kompetenzen sind für erfolgreiche Interventionen durch die Lehrpersonen besonders wichtig:

  • Das Verständnis von Mobbing und die entsprechenden Interpretationen von Beobachtungen in der Schule.
  • Die Fähigkeit, die mobbenden und gemobbten Schülerinnen und Schüler als solche zu erkennen und schliesslich.
  • Empathiefähigkeit

Mobbing Prävention

Was braucht es, damit es in einer Schule möglichst nicht zu Mobbing kommt? Das hängt von sehr vielen verschiedenen Faktoren ab. Wesentliche Fragen in diesem Zusammenhang sind: Hat es bereits wiederholt Fälle von Mobbing gegeben? Hat es Mobbing noch nie gegeben und möchte die Schule mit der Prävention ihre Haltung stärken? Wie steht es in der Schule aktuell um die schützenden Faktoren?

Nach einer sorgfältigen Abklärung durch die Beratungsperson, können die entsprechenden Massnahmen geplant werden.