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Drei Minuten Reflexion sparen eine Stunde Ausbügeln

  • vor 39 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

In der fünften Folge von Du führst. spricht David ich mit Juliana Betschart, Ergotherapeutin und Leiterin Therapie an der Sonderschule Schöngrünstrasse des ZKSK, über Reflexion als Führungswerkzeug, Gewaltfreie Kommunikation im Alltag, das Unterbrechen mit Begründung, das Aussprechen von Wertschätzung — und über ihren bevorstehenden Wechsel in die Fachberatung Autismus. Hör rein auf david-rossi.ch/podcast oder direkt in deiner Podcast-App.



Eine Anfrage liegt auf dem Tisch. Ein Mitarbeiter möchte unbezahlten Urlaub. Es ist nicht der erste, mehrere Wochen sind im Spiel, die Stellvertretung ist offen, und Juliana Betschart wird zum Zeitpunkt des Urlaubs gar nicht mehr in der Führungsrolle sein. Sie könnte schnell entscheiden — ja oder nein, weiter mit dem nächsten Punkt. Sie tut es nicht. Sie nimmt sich Zeit, um zu klären, was hinter ihrem Zögern steht.

Genau dieser Moment — die kleine Pause vor der Reaktion — ist der Punkt, an dem Juliana am meisten gewachsen ist. Früher hatte sie einen anderen Anspruch an sich: sofort eine gute Antwort haben, aus dem Stegreif entscheiden, präsent sein. Heute weiss sie: Wer sich drei bis fünf Minuten Zeit nimmt, kommt zu klareren Haltungen. Und spart sich oft Stunden Aufräumarbeit hinterher.


Das Verhältnis kippt zu deinen Gunsten

David macht ein Beispiel aus dem Familienleben, das jeder kennt: Eine angespannte Situation mit den eigenen Kindern. Wenn er selbst gestresst ist und das Kind gestresst ist, dann reicht eine impulsive Reaktion, um die Situation zu eskalieren. Danach sind beide wütend und tun oder sagen Dinge, die nicht weiterhelfen. Wenn es einem hingegen genau in dieser Situation gelingt, eine Minute kurz innezuhalten, durchzuatmen, und dann reflektiert zu handeln, dann spart man sich das Aufräumen und Beziehung kitten, das häufig bis zu Stunden in Anspruch nehmen kann.

Im Berufsalltag funktioniert es nach dem gleichen Muster. Wer ein ungutes Gefühl spürt und es übergeht, wer einen Impuls auslebt statt ihn zu prüfen, zahlt häufig später: Mit Klärungsgesprächen und oft einer beeinträchtigten Beziehung. Drei Minuten vor der Reaktion sparen oft eine Stunde oder mehr nach der Reaktion.


Was Reflexion konkret heisst

Reflexion ist bei Juliana nicht der eine grosse Termin im Kalender. Es sind viele kleine Momente: beim Joggen, im Büro vor der nächsten Sitzung, im Kopf während eines Mails. Sie nimmt Themen mehrfach auf, lässt sie liegen, kommt zurück. Auslöser ist meistens ein Gefühl — Unsicherheit, Zweifel, Bedenken — dem sie nicht mehr ausweicht, sondern dem sie nachgeht.

Sehr konkret bedeutet das: Wenn ein Anliegen reinkommt, fragt sie sich, was das Bedürfnis dahinter ist. Sie antwortet nicht reflexartig per Mail, sondern sucht das Gespräch. Sie stellt nicht abstrakte Fragen (“Was möchtest du?”), sondern macht Angebote (“Geht es dir um …?”) — weil viele Mitarbeitende es nicht gewohnt sind, ihre Bedürfnisse direkt zu benennen.


Wertschätzung ist nicht Lobhudelei

Weiter erzählt Juliana, wie sie an einem Morgen das 25-Jahre-Jubiläum einer Mitarbeiterin in der Teamsitzung würdigt: Sie bittet die Runde, je eine Eigenschaft oder etwas Gutes über die Jubilarin zu nennen. Es kommt viel Wertschätzendes zusammen.

Wertschätzung wird konkret, wenn sie gesehen, ausgesprochen und benannt wird. Wenn jemand den Materialraum aufgeräumt hat, sagt Juliana das. Wenn jemand sich engagiert, sagt sie, was das für sie als Team bedeutet. Beim 25-Jahre-Jubiläum hört sie den Satz, der auch für sie selbst gilt: “Es ist ein Geben und Nehmen, hier zu arbeiten.”

Ein grosser Teil dieses Geben und Nehmen läuft auf der verbalen Ebene ab. Im Gehört-Werden. Im Ernst-Genommen-Werden. Schon das ist Geben und Nehmen.


Klar führen heisst auch: unterbrechen

Eine Herausforderung nennt Juliana offen: das Unterbrechen in Gesprächen. In Standortgesprächen mit Eltern, in Rundtischen mit vielen Beteiligten, da fällt es ihr manchmal schwer, jemandem das Wort zu nehmen. David berichtet daraufhin aus Weiterbildungssequenzen, die er jeweils zu diesem Thema durchführt: Die Teilnehmenden lernen, eine andere Person zu unterbrechen, wenn sie nicht mehr beim Thema ist oder zu viel redet. “Ich unterbreche dich jetzt, weil ich verstehen möchte, was du sagst — und ich möchte schauen, dass alle zum Zug kommen.” Dies ist eine Möglichkeit, wie andere unterbrochen werden können.


Wenn du gerade führst

Vielleicht bist du im selben Punkt wie Juliana es war — überzeugt, dass du sofort reagieren musst. Vielleicht nimmst du dir bereits diese Minuten, aber hast Mühe, sie zu rechtfertigen. Vielleicht spürst du, dass du den Satz “Ich unterbreche dich jetzt, weil …” auch öfter gebrauchen könntest.

Falls du dies oder andere Führungsqualitäten in einem Coaching näher anschauen möchtest, melde dich unter Kontakt. Falls du interessiert bist an einer Weiterbildung rund ums Thema Feedback/Gesprächsführung für deine Führungspersonen oder die Mitarbeitenden, dann findest du hier weitere Informationen.



 
 
 

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