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Wertschätzung in der Führung – mehr als ein nettes Wort

  • 27. März
  • 3 Min. Lesezeit

Wertschätzung wird in Führungskreisen gerne bemüht. Kaum ein Leitbild, das sie nicht erwähnt. Kaum eine Weiterbildung, die das Thema nicht streift. Und trotzdem: In der Praxis bleibt Wertschätzung oft vage, austauschbar, wirkungslos.

Was bedeutet Wertschätzung konkret – im Alltag einer Führungsperson, in einem Betrieb, in dem Menschen mit anderen Menschen arbeiten? Und wie gelingt es, nicht nur darüber zu reden, sondern sie tatsächlich zu leben?



Wertschätzung fängt vor dem ersten Gespräch an

Es klingt fast banal – und ist doch entscheidend: Wie wird jemand empfangen? Wer zum ersten Mal eine Institution betritt, macht in den ersten Minuten Erfahrungen, die prägen. Muss man warten, ohne dass jemand auf einen zugeht? Sitzt man auf einer kalten Bank im Eingangsbereich? Oder gibt es einen Ort, der signalisiert: Du bist willkommen – auch wenn dieser Moment nicht einfach ist für dich?

Wertschätzung beginnt im Raum. In der Gestaltung des Empfangs. In der Frage: Für wen ist dieser Ort gemacht – für die, die hier arbeiten, oder für die, die hierherkommen?


Gesehen werden – nicht als Nummer, sondern als Mensch

In Institutionen, die in der sozialen Arbeit oder im Bildungsbereich tätig sind, leisten viele Mitarbeitende täglich Aussergewöhnliches. Im stationären Bereich bedeutet das zum Beispiel: Nachtpikets, Dienste an Weihnachten und Neujahr, tagelang getrennt vom eigenen sozialen Umfeld – alles im Dienst von Kindern und Jugendlichen, die Stabilität und Verlässlichkeit brauchen.

Diese Leistung wird oft einfach erwartet. Zu selten wird sie ausgesprochen, zu selten wird sie wirklich gesehen.

Wertschätzung als Führungsperson heisst hier: sich bewusst machen, was Mitarbeitende leisten – und dieses Bewusstsein in Handlungen übersetzen. Eine persönliche Dankeskarte, die nicht allgemein ist, sondern spezifisch: «Ich weiss, dass du in diesem Monat besonders viel getragen hast – und dass deine Familie auf dich verzichten musste. Danke dafür.» Ein Wellness-Gutschein für ein Team nach einer belastenden Phase. Oder ganz einfach: das Gespräch von letzter Woche erinnern. Nachfragen. Zuhören.


Wertschätzung für Eltern und Klientinnen: die unterschätzte Dimension

In sozialen Institutionen gibt es eine besondere Herausforderung: die Beziehung zu den Eltern von Kindern, die eine Unterstützung benötigen. Viele dieser Eltern kommen in einer schwierigen Situation. Viele kommen mit Widerstand und häufig, weil sie wenig Wahlmöglichkeiten hatten.

Wertschätzung bedeutet hier: die Person von ihrer Handlung trennen. Man kann eine Handlung kritisch beurteilen, ohne den Menschen dahinter zu verurteilen. Man kann klar benennen: Du bist trotzdem willkommen. Du wirst gehört.

Diese Haltung ist nicht naiv. Sie ist strategisch klug. Eltern, die sich nicht verurteilt fühlen, öffnen sich. Sie werden zu Partnern. Und das macht den Unterschied – für das Kind, für den Prozess, für alle Beteiligten.


Partizipation: Wertschätzung als Haltung gegenüber Kindern

Auch Kinder und Jugendliche wollen gehört werden. Die Gesellschaft hat sich dahingehend entwickelt, dass Mitbestimmen als normaler Teil des Alltags erwartet wird – nicht nur bei Erwachsenen.

In grossen Institutionen ist echte Partizipation eine Herausforderung. Es braucht ständige Reflexion: Wo im Alltag eines Kindes sind Entscheidungen möglich? Wo kann echte Mitsprache stattfinden – nicht als Alibi, sondern als gelebter Respekt? Partizipation ist keine Strukturfrage. Sie ist, wie so vieles, zuerst eine Frage der Haltung.


Was Wertschätzung im Kern ausmacht

Am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus: Wertschätzung ist die Bereitschaft zu sagen – und zu zeigen –: Ich sehe dich. Ich erkenne, was du leistest. Du bist mehr als deine Funktion.

Das klingt simpel. Aber es verlangt Aufmerksamkeit, Konsequenz und die Fähigkeit, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Es verlangt auch, unbequemes Feedback anzunehmen. Und die Bereitschaft, Räume und Strukturen so zu gestalten, dass sie wirklich für die Menschen da sind, die sie nutzen.

Diese Themen habe ich in der vierten Folge meines Podcasts «Du führst.» vertieft – im Gespräch mit Daniel Wölfle, Geschäftsleiter der Stiftung Kinder im Brühl. Daniel erzählt offen über seinen Weg in die Führungsrolle, über Coaching und Kunsttherapie, über die Gestaltung des Empfangsbereichs als erster Akt der Wertschätzung – und über die pädagogischen Haltungen, die er in seiner Institution prägen möchte.

Auf Apple Podcast und Spotify – und unter www.david-rossi.ch/podcast.

 
 
 

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