Verstehen heisst nicht, dass es okay ist
- 27. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Eine Polizeimeldung trifft ein: Familie XY. Die eine Person sagt: Ich werde geschlagen, ich werde fertiggemacht. Die andere Person – diejenige, die die Gewalt ausgeübt hat – sieht sich oft genauso als Opfer. Beide Geschichten klingen aus der Perspektive der jeweiligen Person klar.
Claudia Wyss leitet die Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau (AHG).
Sie und ihr Team arbeiten mit beiden Seiten gleichzeitig: mit Menschen, die Gewalt erfahren haben, und mit Menschen, die Gewalt ausgeübt haben. Dieser Spagat – beide Perspektiven im Blick zu haben, ohne die eine gegen die andere auszuspielen – ist ein anspruchsvoller Teil der Arbeit in der AHG.

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse hilft nicht weiter
Wenn wir ein Verhalten als «böse» verurteilen, fühlt sich das im ersten Moment einfach an. Es klärt scheinbar etwas. Tatsächlich klärt es nichts: Es löst bei der anderen Seite vor allem Widerstand aus – entweder schämt sich jemand und fügt sich, oder die Person versucht, selbst «oben» zu sein und die andere Seite als böse darzustellen.
Claudia begegnet diesem Muster regelmässig. Ihre Haltung: Die Verantwortung für eine Tat liegt zu 100 Prozent bei der Person, die sie begangen hat. Und trotzdem hilft es nicht, einen Menschen zu verurteilen. Häusliche Gewalt ist zu vielschichtig, um sie in Schwarz und Weiss aufzuteilen.
Verständnis und Verantwortung zugleich
Wer die Lebensgeschichte eines Menschen kennt – die Erfahrungen, die er/sie gemacht hat, das, was er/sie nie anders gelernt hat –, findet für fast jedes Verhalten eine Erklärung. Das macht eine Tat nicht besser, weder für die Betroffenen noch für sonst jemanden. Aber es ist eine Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt etwas verändern kann.
Für eine Führungsperson ist das ein nützlicher Massstab, weit über das Thema häusliche Gewalt hinaus: Verstehen, weshalb jemand eine Deadline verpasst, ein Gespräch vermieden oder einen Fehler wiederholt hat, ist nicht dasselbe wie es gutzuheissen. Beides gleichzeitig zu halten – Verständnis und klare Verantwortung – ist anspruchsvoll. Aber es ist eine Haltung, die Entwicklung ermöglicht.
Der Tunnel und die Ausfahrten
In den Lernprogrammen der AHG arbeitet Claudia mit einem einfachen Bild: eine Autobahn, vorne ein Tunnel. Wer in den Tunnel hineinfährt, sieht nichts mehr – dann ist es nur noch schwarz. Davor gibt es aber viele Ausfahrten. Das Ziel: merken, wenn man sich einem Tunnel nähert und dann möglichst die erste Ausfahrt nehmen.
Das gilt nicht nur für Menschen, die an einem Lernprogramm teilnehmen. Jede Führungsperson kennt den Moment kurz vor der unbedachten Reaktion. Die Frage ist dieselbe: Nehme ich jetzt die Ausfahrt – oder fahre ich in den Tunnel?
Konfrontation ist auch eine Form von Wertschätzung
Claudia gilt bei ihren Mitarbeitenden als authentisch, konfrontativ und wertschätzend zugleich. Für sie ist das kein Widerspruch: Wer eine kritische Rückmeldung gibt, sagt damit auch: Ich traue dir mehr zu, als du gerade zeigst. Nicht-Ansprechen schützt eine Beziehung selten. Es verzögert höchstens den Moment, in dem eine Situation eskaliert – dann aber häufig umso heftiger.
Was Claudia als Mutter über Führung gelernt hat
Claudia ist Mutter von drei Söhnen. Was sie ihnen seit jeher sagt, gilt für sie auch als Führungsperson: «Wenn du etwas falsch machst – das wird passieren, das gehört dazu –, dann ist mir wichtig, dass du zu mir kommst. Ich werde vielleicht nicht begeistert sein. Aber ich gehe mit dir durch.»
Das ist eine Führung, die auf Vertrauen baut, wohl wissend, dass dieses Vertrauen auch missbraucht werden kann. Claudia nimmt dieses Risiko bewusst in Kauf – weil die Alternative, sich abzusichern und zu kontrollieren, am Ende weniger trägt.
Wenn du gerade führst
Vielleicht erkennst du dich in einer dieser Situationen: Du verstehst, weshalb jemand sich so verhält – und fragst dich, ob das schon bedeutet, dass du es gutheissen musst. Oder du merkst, dass du kurz vor einer unbedachten Reaktion stehst, und überlegst, welche Ausfahrt du nehmen könntest. Vielleicht schiebst du auch gerade eine Rückmeldung vor dir her, weil du nicht sicher bist, ob sie es wert ist. Was machst du jetzt?
Das ganze Gespräch mit Claudia Wyss – über ihre Arbeit an der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau, über Führung mit Vertrauen und über die Frage, was Konfrontation mit Wertschätzung zu tun hat – hörst du in Folge 7 von «Du führst.»





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