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Vertrauen geben, bevor es verdient ist

  • vor 10 Minuten
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Alexander Arndt hat einen Konzern verlassen, um ein eigenes Unternehmen zu kaufen. Nicht, weil es ihm schlecht ging – sondern weil er Menschen anders führen wollte, als es die Strukturen und die Kultur zuliessen. Heute leitet er einen Hydraulikbetrieb mit 26 Mitarbeitenden in Deutschland (Launhardt Hydraulik). Im Gespräch erzählt er, was sich verändert hat, seit er nicht mehr leitender Angestellter ist, sondern Inhaber – und weshalb gerade diese Rolle ihn einsamer macht, als er erwartet hatte.

 

David Rossi und Alexander Arndt, August 2026


Vom Angestellten zum Inhaber – und warum das alles verändert

Über acht Jahre war Alexander Arndt in einem Konzern für Facility Management tätig. Er wurde schnell befördert, hatte Rückendeckung von oben und führte zuletzt 1500 Mitarbeitende. Trotzdem merkte er: Es gibt Leitplanken, an die er stösst – bei Gehaltsspielräumen, bei der Art, wie Konflikte angegangen werden, bei der Frage, welche Typen er ins Team holen darf. Also setzte er sich ein Ziel, baute eine Roadmap und suchte zwei Jahre lang ein Unternehmen, das er kaufen konnte.

 

Launhard Hydraulik, ein 36 Jahre alter Betrieb, spezialisiert auf die Instandsetzung von Hydraulikzylindern und die Herstellung patentierter Hydraulikschwenkarme, wurde dieses Unternehmen. Alexander übernahm es mit 19 Mitarbeitenden – heute, ein Jahr später, sind es bereits 26.

 

Was ihn überraschte: die Wirkung, die er als Inhaber hat. Er dachte, er komme als der offene, freundliche Alex – und merkte erst in den Gesprächen mit den Mitarbeitenden, dass seine Worte eine ganz andere Tragweite haben. Als er ihnen sein Narrativ erzählte – dass er das Unternehmen langfristig für seine beiden Töchter aufbauen will –, entstand auf der Gegenseite ein Aha-Moment, der ihn selbst überraschte. Er hatte etwas gesagt, das sich richtig anfühlte, aber in seinem eigenen Kopf noch gar nicht angekommen war.

 

Verantwortung abgeben, Vertrauen vorstrecken

Im alten Unternehmen lief vieles über den Inhaber – jede Entscheidung, jede Freigabe. Alexander hat das umgedreht. Er hat Teamleiter etabliert, Aufgaben klar zugeordnet, Budgetfreigaben erteilt und einen Slogan eingeführt, der das Ganze zusammenhält: «Wir sichern Qualität durch Standards. Wir entwickeln Menschen durch Verantwortung.»

 

Verantwortung bedeutet für ihn nicht nur, die eigene Aufgabe abzuschliessen – sondern mitzudenken, was die Person braucht, die als Nächstes daran weiterarbeitet. Das ist sein Massstab für verantwortungsvolles Handeln: Nicht nur das eigene Stück erledigen, sondern die Anschlussfähigkeit sicherstellen.

 

Und das Vertrauen? Das gibt es bei ihm a priori. Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter bekommt es von Anfang an – ohne es erst verdienen zu müssen. «Du bist der Experte dafür. Warum kommst du zu mir und fragst, wie damit umzugehen ist?» Natürlich kann man dieses Vertrauen verspielen. Aber der Ausgangspunkt ist: Es ist da.

 

Wenn Vertrauen ausgenutzt wird

Wo Licht ist, ist auch Schatten – das sagt Alexander selbst. Er erzählt von einer Situation, in der einzelne Mitarbeitende achtmal am Tag Raucherpausen machten. Er hatte das zunächst gar nicht bemerkt, weil er niemandem auf die Finger schauen wollte. Zwei Vier-Augen-Gespräche brachten keine Veränderung. Also zog er Leitplanken – nicht nur für die Betroffenen, sondern für alle.

 

Sein Grundsatz dabei: «Einmal ist okay. Beim zweiten Mal ist es ein Fehler – weil es dumm wäre, nicht aus dem Fehler zu lernen.» Was ihm schlaflose Nächte bereitet hat, war nicht die Massnahme selbst, sondern die Erkenntnis, dass er am Anfang zu locker war. Er hatte angenommen, alle hätten dieselbe Motivation wie er. Das war ein Learning.

 

In Jahrzehnten denken – und trotzdem jeden Tag entscheiden

Alexander trifft schnelle Entscheidungen – und korrigiert lieber eine schlechte, als eine zu lange hinauszuzögern. Gleichzeitig denkt er in Zeithorizonten von 20 bis 25 Jahren. Im besten Fall sollen seine Töchter das Unternehmen einmal weiterführen. Das gibt ihm eine gewisse Ruhe: Er weiss, dass er Zeit hat, eine Entscheidung zu korrigieren.

 

In Bewerbungsgesprächen sagt er neuen Mitarbeitenden: «Ihr habt die Möglichkeit, in den nächsten Jahren den Arbeitsplatz zu schaffen, den ihr über 15, 20 Jahre haben möchtet.» Partizipation ist für ihn kein Modewort, sondern ein Faktor, der Menschen bindet – gerade in einer Zeit, in der KI, politische Veränderungen und wirtschaftliche Unsicherheit für Unruhe sorgen.

 

Inklusion als Herzensangelegenheit

Eines der ersten Projekte, die Alexander und seine Frau gemeinsam vorantrieben, war ein Inklusionsarbeitsplatz. Ein Mensch mit Schwerbehinderung, der zuvor in Werkstätten arbeitete, ist heute fester Bestandteil des Teams. Das schönste Kompliment kam vom Teamleiter: «Wenn der nicht da ist, fehlt uns richtig Power.» Alexander nimmt ihn genauso in die Verantwortung wie jeden anderen – angepasst an sein Aufgabenspektrum, aber mit denselben Erwartungen an Zuverlässigkeit.

 

Die Einsamkeit des Unternehmers

«Ich glaube, ich fühle mich jeden Tag einsam», sagt Alexander – und meint damit nicht, dass er allein wäre. Er hat seine Frau, mit der er jeden unfertigen Gedanken besprechen kann. Er hat seinen Schwiegervater als Mentor und einen Coach. Aber das, was in seinem Kopf passiert – die Frequenz, in der er über Entscheidungen nachdenkt, die strategischen Abwägungen, die finanziellen Fragen –, das kann er nicht mit seinen Mitarbeitenden teilen. «Das würde die komplett verunsichern.»

 

Diese Erkenntnis ist für ihn einer der markantesten Unterschiede zwischen der Rolle als leitender Angestellter und der als Inhaber. Und genau deshalb empfiehlt er jeder Führungsperson – ob Unternehmer oder nicht –, sich einen Reflexionsraum zu schaffen: durch einen Coach, einen Mentor, einen Menschen, dem man vertraut.

 

Wenn du gerade führst

Vielleicht erkennst du dich in einer dieser Situationen: Du gibst Vertrauen – und fragst dich, ob das naiv ist. Du willst Verantwortung abgeben – und merkst, dass nicht alle gleich damit umgehen. Oder du spürst diese Einsamkeit, die entsteht, wenn du strategisch denkst und niemanden hast, mit dem du das teilen kannst. Wenn du das mal mit einem Coach anschauen möchtest, freue ich mich über eine Kontaktaufnahme.

 

Das ganze Gespräch mit Alexander Arndt – über Vertrauen als Vorschuss, Verantwortung als Entwicklungsinstrument und die Frage, was es heisst, ein Unternehmen für die nächste Generation zu führen – hörst du in Folge 8 von «Du führst.»


 
 
 

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