Deine Eltern führen mit
Los Angeles, im Jahr 2000. Marko Marffy steht im Final einer Karate-Weltmeisterschaft. Bis dahin hat er locker gekämpft, gut gekämpft. Dann erkennt er im Publikum ein paar Schauspieler aus Hollywood, die Schiedsrichter kommen zu den Kämpfern und sagen: «All eyes on you.» Er wird nervös. Bei der ersten Aktion trifft er den Gegner so, wie man im Karate nicht treffen darf, und bricht ihm die Nase. Der Final ist entschieden.
Danach ruft er seinen Vater an und erzählt es ihm. Die Antwort: Er habe wieder versagt. Für Marko selbst ist die Sache in Ordnung – zweiter Platz an einer Weltmeisterschaft, ein Fehler, aus dem er etwas mitnimmt. Sein Vater versteht das nicht.
Marko Marffy ist Kampfkunstlehrer und Sensei, ehemaliger Karate-Nationalathlet und Unternehmer. Vor über zwanzig Jahren hat er in Bern an der Aare ein Kampfkunst- und Gesundheitszentrum aufgebaut, das heute Maru ar Aare heisst. In Folge 9 von «Du führst.» wird deutlich, wie viel seine Eltern damit zu tun haben, wie er heute führt – und an welchem Punkt er entschieden hat, es anders zu machen.

David Rossi und Marko Marffy im Buchenhain des Kapuzinerklosters in Solothurn
Wenn alles über Leistung definiert wird
Markos Eltern waren beide Geiger, die Mutter aus Ungarn, der Vater aus Slowenien. Der Vater: hochpräzis und ehrgeizig, selbst so aufgewachsen. Dessen Vater war Rechtsanwalt, Erfolg zählte, die Nummer eins zu sein war das Wichtigste. Eine Geschichte, die Marko von ihm kennt: Als Bub musste sein Vater an einem Wettbewerb mitspielen. Jemand anderes vom selben Konservatorium gewann, er wurde Zweiter – und bekam es zu Hause zu spüren.
Später hängte der Vater die Geige an den Nagel, machte noch einmal die Matur, studierte Medizin und wurde Gynäkologe. Markos Satz dazu: «Für ihn war einfach alles definiert über Leistung.»
Als eine Patientin ihn auf einen Betrag verklagte, für den er nicht ausreichend versichert war, geriet er unter einen Druck, dem dieser Massstab nicht standhielt. Er konnte nicht mehr schlafen, begann zu zittern und konnte deshalb nicht mehr operieren. Er fiel in eine Depression, seine Frau verliess ihn – und wenig später nahm er sich das Leben.
Kurz davor, bei einer gemeinsamen Wanderung in den Bergen, sagte er zu Marko, jetzt verstehe er, was dieser gemeint habe: dass es okay sein kann, auch Zweiter zu sein.
Was davon weiterlebt
Marko benennt klar, dass er Anteile seines Vaters in sich trägt. Ohne die ehrgeizige Seite, sagt er, wäre er wohl kein Athlet geworden. Dazu kommt die Detailversessenheit – sich an einer Sache festbeissen und nicht aufhören, bis sie stimmt.
Dieselbe Energie hat ihn aber auch in Wochen mit neunzig Stunden gebracht: um zwei Uhr nachts noch Mails aus dem Zentrum beantworten, am Morgen wieder in der Schule unterrichten. Nach dem Tod seines Vaters kam der Moment, in dem er sich sagte: «Achtung, ich habe die Tendenzen von ihm. […] Und ich will nicht dorthin.»
Für Führungspersonen liegt hier ein unauffälliger Punkt: Prägung zeigt sich selten als Entscheidung. Sie zeigt sich als Selbstverständlichkeit – daran, was man ohne Nachdenken für nötig hält, was man von sich erwartet und woran man merkt, ob ein Tag gut war. Zur Wahl wird sie erst, wenn man sie bemerkt.
Das schnelle Ja
Die zweite Wurzel liegt auf der anderen Seite der Familie. Marko und sein Bruder wuchsen bei der Mutter auf, die Eltern trennten sich, als er zwei Jahre alt war. Von dort nahm er die Neugier mit, etwas Verspieltes – und die Gewohnheit, intensive Gespräche darüber zu führen, was in einem drin vorgeht: Was denken wir zu einer Sache? Wie empfinden wir etwas? Versuch es aus, schau selber, handle so, wie es dir wichtig ist.
Was dabei nicht gelernt wurde, benennt Marko selbst: «Was wir, glaube ich, nicht so gelernt haben, ist, einmal Nein zu sagen.» Und dazu: «Ich habe Schiss, dass eine Freundschaft irgendwie gefährdet sein könnte, wenn ich auf einer Geschäftsebene einmal Nein sage.» Also sagt er Ja – zu Projekten, zu Kooperationen, zu Menschen, für die er einen Platz finden möchte.
In seinem Zentrum führte das zu einer Konstellation, die viele kennen: Man verstand sich als Gruppe von Freunden. Alle konnten mitreden und mitentscheiden, niemand musste Geld in die Hand nehmen, niemand trug das Risiko. Bis eine Steuerprüferin über die Brille schaute und sagte: «Ich habe so etwas noch nie gesehen. Sie sind viel, viel zu lieb. Sie tragen das ganze Risiko alleine.»
Wer einen grossen Teil seines Bedürfnisses nach Verbindung über die Arbeit deckt, zahlt für jedes Nein doppelt: in der Sache und in der Beziehung. Genau dort wird Rollenklärung wichtig – nicht als Theorie, sondern als Schutz vor Erwartungen, die nie jemand ausgesprochen hat.
Was sich verändert hat
Heute stellt Marko die Frage anders. Zusammen mit Linus Frey, seinem zwanzig Jahre jüngeren Geschäftspartner, hat er Vision und Mission geklärt und Rollen definiert. Gegenüber Mitarbeitenden heisst das: Das haben wir vor, das brauchen wir von euch – könnt ihr das bieten oder nicht? Manche Wege trennten sich. Marko dazu: «Es ist hart und es tut weh, aber ich habe dann gemerkt, es ist ja für die Sache.» Was jetzt entstehe, entwickle Kraft für die Vision.
Der zweite Schritt war die Übergabe der Geschäftsführung. Nach zwanzig Jahren zuzuschauen, statt einzugreifen, kostete ihn Disziplin: Wochenlang versperrte Klebeband die Terrasse, obwohl die Farbe längst trocken war – und er sagte nichts. Inzwischen führen die beiden gemeinsam, mit verteilten Bereichen und mit Fokuszeiten, die sie sich gegenseitig frei halten.
Was er seinem Sohn zeigt
Marko hat einen zehnjährigen Sohn, der bei seiner Mutter lebt. Was er ihm mitgeben möchte, klingt wie die Umkehrung dessen, was er selbst erlebt hat: «Ich erzähle ihm auch von meinen Fehlern und möchte ihm zeigen, dass ich nicht immer der Starke, nicht immer perfekt bin.»
Wenn du gerade führst
Zwei Elternhäuser, zwei Muster: der Massstab vom Vater, die Schwierigkeit mit dem Nein von der Mutterseite. Beides war lange kein Thema, weil beides selbstverständlich war.
Vielleicht erkennst du dich in einer dieser Fragen: Woran misst du, ob ein Arbeitstag gut war – und von wem stammt dieser Massstab? Wo sagst du Ja, obwohl du innerlich zögerst, weil ein Nein eine Beziehung belasten könnte? Und was erwartest du von deinem Team, ohne es je entschieden zu haben?
Das ganze Gespräch mit Marko Marffy – über Prägung und Leistung, über das Abgeben von Verantwortung und darüber, was Kampfkunst mit Führung zu tun hat – hörst du in Folge 9 von «Du führst.»
Und übrigens: Falls du den Eindruck hast, dass du den Einfluss deiner Eltern auf dein Führungsverhalten mitsteuern möchtest, dann kannst du dich gerne für ein Coaching bei mir melden.





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