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Wer zu lange wartet, sendet auch ein Signal

vor 4 Stunden
4 Min. Lesezeit

Ein neuer Chef übernimmt ein Team. Einige Mitarbeitende sind seit vielen Jahren dabei und haben sich an eine bestimmte Art gewöhnt, wie gearbeitet wird. Bei einer Person merkt er früh, dass es nicht passt. Sie ist schon etwas älter, in einigen Jahren kommt die Pension. Er wartet.


So beschreibt Philipp Heri seine ersten Jahre als Gemeindepräsident. Rückblickend bezeichnet er das lange Warten als den grössten Fehler, den er in schwierigen Personalsituationen gemacht hat. Philipp Heri ist seit 2017 Gemeindepräsident von Gerlafingen im Kanton Solothurn, einer Gemeinde mit rund 5900 Einwohnerinnen und Einwohnern. Er ist im Vollamt angestellt, Kantonsrat, Vater von fünf Kindern und war früher unter anderem Sportlehrer. In Folge 10 von «Du führst.» erzählt er, weshalb er gezögert hat, was das Zögern bewirkt hat – und was er heute anders macht.


David Rossi und Philipp Heri im Büro des Gemeindepräsidenten
David Rossi und Philipp Heri im Büro des Gemeindepräsidenten

Warum man wartet

Die Gründe sind nachvollziehbar. Eine Befürchtung war, dass es als respektlos oder wenig wertschätzend wahrgenommen wird, wenn man bei jemandem kurz vor der Pension so vorgeht. Eine zweite betraf das eigene Bild: Wie kommt es an, wenn ein Neuer kommt und gleich durchgreift? Philipp Heri formuliert die Sorge so: «Da kommt ein Neuer, und dann heisst es ‹Hire and Fire› – müssen jetzt einfach alle gehen, die nicht spuren?» Obwohl er seine Entscheide in diesen Fällen hätte begründen können, war diese Vorstellung ein Hemmschuh.

Dazu kommt das Geld. Im öffentlich-rechtlichen Anstellungsverhältnis ist eine Entlassung aufwendig. Bei Entlassungen werden oft noch Monatslöhne bezahlt, zwei, drei, bis zu einem halben Jahr. Und Geld ist in einer finanzschwachen Gemeinde wie Gerlafingen ein ständiges Thema.


Was das Warten bei den anderen auslöst

Die Erleichterung, mit einer Person nicht mehr zusammenarbeiten zu müssen, ist für Philipp Heri nur ein Aspekt. Wichtiger scheinen ihm manchmal die Signale an alle anderen Mitarbeitenden: dass es Regeln und Vorgaben gibt und dass es Konsequenzen hat, wenn sich jemand nicht daran hält. Im Nachhinein hat er in vielen Fällen gehört, dass die Leute genau das wahrnehmen. Wenn nicht gehandelt wird, kann schnell der Eindruck entstehen: «Der kann sich ja alles erlauben.»

Das betrifft auch die Mitarbeitenden, die sich an Abmachungen halten und ihre Leistung erbringen. Selbst wenn sie wissen, dass ihre Arbeit geschätzt wird, fragen sie sich, warum nichts passiert. Dann entstehen Geschichten – ob jemand geschützt wird, ob es einen Filz gibt. Konsequent zu handeln kann in diesem Sinn auch eine Form von Wertschätzung gegenüber diesen Mitarbeitenden sein.


Mühsam, aber möglich

Dass man in der Verwaltung praktisch niemandem kündigen könne, hat Philipp Heri in seinen ersten Jahren selbst gesagt. Heute sieht er es anders: «Es ist mühsam, es braucht Gespräche und einen klaren Ablauf, wie man vorgehen muss, aber es ist möglich.»

Diese Erkenntnis hat ihm mit der Zeit eine gewisse Lockerheit gegeben. Die Gemeinde bietet Hand bei einer Trennung, wenn sich diese dafür sauber und zügig umsetzen lässt, ohne Anwälte. Für die betroffene Person bleibt eine Trennung belastend. Ein klarer, zügiger Ablauf kann ihr aber ermöglichen, sich schneller neu zu orientieren – und beide Seiten kommen geordnet aus der Situation heraus.


Ein langer Atem – und danach die Leere

Führen in einer Gemeinde bedeutet oft, über Jahre an einem Ziel dranzubleiben. Für Philipp Heri war die neue Sporthalle ein solches Projekt, und ein persönliches: Als früherer Sportlehrer und Schulsportexperte des Kantons hatte er erlebt, wie Hallen geplant wurden, die sich für den Sport und Unterricht nicht eigneten. Wenn er einmal selbst eine planen könne, müsse sie stimmen, nahm er sich vor. Der Weg dauerte von 2019 bis Mai 2026 – mit Standortevaluation, Wettbewerb und Kosten, die stiegen und immer wieder gerechtfertigt werden mussten. Am Schluss stimmte die Gemeindeversammlung deutlich zu.

Danach war er leer. Bis zu den Sommerferien hatte er das Gefühl, sich gar nicht erholen zu können. Erst zwei Wochen Ferien haben die Batterien wieder gefüllt, und er hat sie als erholsamer empfunden als sonst. Wer lange auf ein Ziel hinarbeitet, kann nach dem Erreichen erschöpft sein. Diese Phase mitzudenken, kann hilfreich sein.


Beide Seiten anhören

Auf die Frage, wie seine Eltern ihn geprägt haben, nennt Philipp Heri einen Grundsatz aus seinem Elternhaus: Bevor man entscheidet, hört man die Meinung aller Beteiligten. Das zeigt sich im Umgang mit seinen Kindern und im Amt. Wenn jemand reklamieren kommt, hört er die Person an – und ebenso die Gegenseite.

Ähnlich nutzt er seine Familie als Resonanzraum. Pläne für einen Spielplatz legt er auch einmal auf den Mittagstisch, und bei vielen Führungsthemen ist ihm die Meinung seiner Frau wichtig: als Zweitmeinung, die halb von ausserhalb kommt.


Wenn du führst

Zögern bei Personalentscheiden ist menschlich. Es kann aus Rücksicht entstehen, aus der Sorge um den eigenen Ruf oder aus Kostengründen. Gleichzeitig hat es Folgen: für die betroffene Person, für die Zusammenarbeit und für das Team, das beobachtet, was passiert – und was nicht.

Vielleicht hilft dir eine dieser Fragen: Wo wartest du gerade mit einer Entscheidung, die du innerlich schon getroffen hast? Was befürchtest du, wenn du handelst? Und welches Signal sendet dein Warten an die Mitarbeitenden, die sich an die Abmachungen halten?


Das ganze Gespräch mit Philipp Heri – über Personalentscheide und Einsamkeit in der Führung, über eine Sporthalle, für die es sieben Jahre brauchte, und über die Frage, was eine Gemeinschaft heute zusammenhält – hörst du in Folge 10 von «Du führst.»

 
 
 

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