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Wieso Konfliktgespräche häufig schief gehen

Als ich das vor zehn Jahren gelernt habe, war mir nicht klar, wie sehr dieses Wissen mein Leben verändern wird. Was habe ich gelernt? Ich habe gelernt, was es ist, das mich an Aussagen von anderen Menschen jeweils so stört und was andere manchmal an Aussagen von mir so stört.



Diagnostizieren

Regelmässig nennen uns andere Menschen ihre subjektiven Diagnosen über uns und unser Verhalten. Das sind ihre eigenen Erklärungen dafür, weshalb wir so sind, wie wir sind oder weshalb wir etwas getan oder nicht getan haben. Solche Sätze tönen etwa so:

Das Problem bei dir ist … Du bist halt zu … sensibel/egoistisch/impulsiv/zerstreut (oder sonst etwas).

Dafür verurteilen, dass man negative Gefühle hat

Was auch häufig gemacht wird, ist das Verurteilen der Gefühle, die jemand hat. Zum Beispiel sagt jemand: Du musst dich jetzt nicht ärgern! Sei nicht traurig. Jetzt nervst du dich schon wieder! Dabei ist das doch gar nicht schlimm.


Verallgemeinern

Wir alle kennen die Sätze, in welchen die Wörter «immer, nie, oft» oder «jedes Mal» vorkommen. Immer musst du … Jedes Mal wenn du … machst du … Nie kannst du ...

Verurteilen und Kritisieren

Moralische Kritik kann in verschiedenen Färbungen daherkommen, von sehr subtil über flapsig bis hin zu grob und laut. Solche Sätze tönen etwa so: Kannst du nicht mal …? Du würdest besser mal … Wenn du nur mal … (genervt): Ich verstehe einfach nicht, wie du …


Davon ausgehen, dass der andere böse ist

Gehst du manchmal davon aus, dass jemand böse ist? Vielleicht denkst du nicht. Wenn du allerdings Sätze wie die folgenden verwendest, tust du genau das. Der macht das nur, weil er mich ärgern will! Der macht das extra! Die weiss haargenau, dass mich das auf die Palme bringt!

Wir bringen mit solchen Aussagen zum Ausdruck, dass wir denken, die andere Person könnte anders handeln, tue das aber nicht, weil sie uns ärgern, provozieren, verletzen usw. will.

Was verbindet diese Aussagen?

All diesen Aussagen haben etwas gemeinsam: Es sind moralische Urteile im Sinne von richtig/falsch oder gut/böse oder gut/schlecht. Es steht meist immer die Aussage dahinter: Du bist schlecht, falsch oder böse oder anders ausgedrückt: Du bist nicht in Ordnung, wie du bist.

Wir mögen nicht, wenn jemand moralisch über uns urteilt. Aber wieso denn? Was lösen moralische Urteile bei uns aus?


Auswirkungen von moralischen Urteilen

  • Verlust der Gleichwertigkeit (Augenhöhe) 
Wir können nicht moralisch über jemanden urteilen und zugleich auf Augenhöhe (gleichwertig) mit der Person sein. Sobald wir moralisch urteilen, stellen wir uns über sie. Die andere Person kann nun entweder unser Urteil akzeptieren oder diesem sogar zustimmen (Ja, ich bin einfach faul.) oder sie wird sich verteidigen, wehren oder sich rechtfertigen (Das stimmt doch gar nicht. Ich habe XY gemacht, weil Z … Schau doch mal bei dir selber, bevor du mich kritisierst).
Wenn moralische Urteile nicht geteilt werden, entstehen dann Konfliktgespräche, in denen es meist nur noch darum geht, die jeweils andere Person von der Richtigkeit der eigenen Urteile zu überzeugen. Es geht also meist um die Frage: Wer hat Recht? Dies führt häufig zu langen Diskussionen, die beide frustriert zurücklassen.

  • Förderung von Scham, Schuld, Ärger und Hilflosigkeit
 Moralische Urteile führen zu Schuld- und Schamgefühlen oder zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit, wenn wir den Urteilen über uns zustimmen. Stimmen wir den Urteilen über uns nicht zu, führen die moralischen Urteile zu Ärger und Wut.

  • Förderung von Widerstand und dadurch trennende Wirkung 
Egal welche der oben genannten unangenehmen Gefühle die Urteile bei uns auslösen und egal, ob wir uns verärgert verteidigen oder ob wir uns beschämt zurückziehen: Die moralischen Urteile führen dazu, dass wir mit der Person, die die Urteile gefällt hat, lieber nichts zu tun haben wollen. Wir gehen auf Distanz.

Marshall Rosenberg, der das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation entwickelt hat, definiert Gewalt in der Kommunikation als Denken und Sprechen in Kategorien von richtig / falsch sowie gut / böse oder gut / schlecht oder anders ausgedrückt:

Gewalt in der Kommunikation ist, wenn wir moralische Urteile fällen.

Marshall Rosenberg sagt, dass es für gelungene Kommunikation keine moralischen Urteile braucht. Das mag erstaunlich scheinen. Doch meine Erfahrung in den letzten zehn Jahren ist genau die: Wann immer es mir gelingt, auf moralische Urteile zu verzichten (also gewaltfrei zu kommunizieren) und stattdessen etwas anderes ins Zentrum zu stellen, gelingen Gespräche praktisch immer.

Was aber stelle ich ins Zentrum? Dazu bietet das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation eine hilfreiche Struktur. Es wird auf folgende Schritte fokussiert: Beobachtung, Gefühle, Bedürfnis und Bitte.


Die vier Schritte

Beobachtung: Ich sage, worauf ich mich beziehe. 
Zum Beispiel: Gestern Abend habe ich dich gebeten, etwas mit den Kindern zu machen, während ich die Küche aufräume. Du bist dann aufs Sofa gesessen und hast etwas mit deinem Handy gemacht.

Gefühle: Ich sage, wie sich das anfühlt, wenn ich an diese Situation denke.
Zum Beispiel: Wenn ich an diese Situation denke, bin ich frustriert und traurig.

Bedürfnisse: Ich sage, worum es mir bei dieser Sache geht.
Zum Beispiel: Mir ist Unterstützung und Wertschätzung wichtig.

Bitte: Ich sage, was ich von meinem Gegenüber gerne hätte.
Zum Beispiel: Kannst du mir sagen, wie das für dich ist, wenn du das von mir hörst?

Du siehst, dass es in diesem Beispiel kein moralisches Urteil hat. Ich sage der anderen Person nicht, dass ich finde, dass sie anders sein sollte oder dass sie schlecht ist.

Wenn du mehr über die Gewaltfreie Kommunikation lernen möchtest, kannst du meinen kostenlosen On-demand-online-Kurs absolvieren.


Eine Liste mit Gefühlen und Bedürfnissen kannst du hier herunterladen.


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